 |
Morgen schaut die Welt vielleicht schon wieder anders aus Zuckende Körper unter zuckendem Licht, das rhythmische Ekstase verheißt. Ich dränge mich vorwärts durch die Menge, vor mir der breite Rücken eines Freundes, der mir Bahn bricht.
Wir erreichen das andere Ende des Dancefloors, erklimmen ein paar Stufen, um dem ineinander verknoteten Gewühl menschlicher Extremitäten zu entgehen, und zwängen uns an die Bar. Die tief Ausgeschnittene hinter den
Tresen übersieht uns wie gewöhnlich erst einmal für die nächsten zehn Minuten, die Drinks schmecken trotzdem. Wodka und Bull rinnen unsre Hälse hinab, erweitern unsre Adern, öffnen die schwarz starrenden Pupillen. Ein
betäubender Puls beginnt in meinen Ohren zu trommeln, ob von der Musik oder vom Alkohol, das vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls tut das Dekollete der Barkeeperin seine unausweichliche Wirkung. Wir ordern nach,
während jeder von uns fünfen mehr oder weniger mannhaft versucht, den Augenkontakt mit ihr zu halten, ohne gleich visuell tiefer zu rutschen.Wir reißen uns los, die aufgefüllten Gläser durch das düstere
Labyrinth herumtorkelnder Körper balancierend. Der Bass hämmert auf uns ein und drückt uns die Hemden an den Leib. In der abgestandenen Luft beginne ich langsam zu schwitzen. Wir erreichen eine ruhigere Ecke, die ihre
Bezeichnung nur aufgrund einer verminderten Lautstärke von drei Mikrodezibel verdient. Der fünfte Mann fehlt. Der Freund mit den breiten Schultern macht sich auf die Suche, wir anderen blicken ihm nach, schauen uns um.
In betonter Lässigkeit unterziehen wir die Vorbeikommenden eines prüfenden Blickes, soweit Licht- und Nebelanlage dies gestatten, und nur selten bekommen wir Blicke zurück. Ich komme mir wie so oft unbehaglich
unauffällig vor. Die Wand hinter mir beginnt ebenfalls zu schwitzen. Die beiden Fehlenden kommen mit fünf zwischen den Fingern geklemmten Shots zurück. Pflichtbewusst schreiten wir zur Vernichtung über
und fühlen uns langsam in der Lage, die Tanzfläche zu erobern. Die fast schon beschauliche Ecke wird verlassen, wir kämpfen uns hinein ins Gewühl. Ein paar übermuskulöse Kleinwüchsige reagieren mit genervtem
Gesichtsausdruck, als wir uns zwischen ihnen und ihren aufgetakelten Schnallen hindurch quetschen, typische Pitbullvisagen, die ihren grellen Prinzessinnen bis vor die Toilettentür folgen, um sie eifersüchtig vor aller
männlichen Agitation außer der eigenen bewachen zu können. Irgendwo finden wir schließlich Platz. Licht und Sound bohren sich in meinem Kopf fest, Schall und Vibrationen rütteln ihn durcheinander. Die
Leute um uns herum bewegen sich hektisch und wir tun es ihnen gleich, wir hüpfen und schreien gegen den Lärm an. Ich drehe den Kopf und bemerke eine Gruppe Mädels hinter uns, alle so in etwa in unserem Alter, viel
Genaueres lässt sich dank Alkohol und Effektgewitter nur schwer bestimmen. Eine sieht recht hübsch aus, schwarze Haare, süßer Mund, der Rest vom Körper scheint auch nicht schlecht zu sein. Herzklopfen, Pulsrasen, ist es
Wodka oder Liebe? Sie blickt herüber, ich lächle zaghaft zurück, sie dreht sich unbeeindruckt weg. Ich wende mich wieder mit tanzartigen Bewegungen meinen Freunden zu, halte es aber nicht lange aus und starre sie wieder
an. Unsere Augen begegnen sich im Blitzlicht unzähliger Stroboskope, doch die ihren schweifen zu schnell wieder ab. Kalkül oder Zufall, wer weiß das schon? Ich schaue noch öfter hinüber, habe das Bedürfnis, zu ihr
hinüber zu gehen, doch ich traue mich nicht. Bis sie irgendwann verschwunden ist und verschwunden bleibt. Wir gehen nach draußen an die frische Luft. Die Welt dort ist seit unserem Eintritt in den Club
eine andere geworden, nicht nur stiller, dunkler und leerer, sondern auch irgendwie aus den Fugen geraten. Irgendwie schief. Ich will mich auf eine Parkbank setzen und stelle fest, dass ich es bin, der etwas schief
steht. Glücklicherweise lediglich Koordinationsschwierigkeiten, ansonsten geht es mir gut, im Gegensatz zu einem von meinen Leuten. Er verschwindet hinter einem nahen Gebüsch und lässt uns mit würgenden Geräuschen an
seiner Aktivität teilhaben. Ich spähe umher und versuche, die Gestalt der hübschen Schwarzhaarigen wieder zu entdecken, doch sie ist nicht da. Der breitschultrige Freund kommt mit dem Würger zurück, er
will ihn in ein Taxi stecken und nach Hause bringen. Es tut gut, einen wie ihn bei sich zu haben, jemandem, dem man vertrauen kann. Der für einen da ist. Wir lieben ihn, ich liebe ihn, aber es ist eine andere Form von
Liebe. Sie tut gut, aber ich brauche etwas anderes. Ich setze mich auf, schaue mich noch einmal um, aber sie ist immer noch unauffindbar. Verflucht sei meine Schüchternheit, die ich doch sonst immer so glorreich zu
verbergen schaffe. Frustriert verabschiede ich mich von den anderen, ich will nur noch nach Hause und vergessen. So gute Freunde sie auch sind, den wahren Grund will ich ihnen nicht nennen. Vielleicht
ist es auch nur der Alkohol, der aus mir spricht. Ich marschiere durch die nächtlichen Straßen zum Bahnsteig, setze mich weitab von den übrigen ausnahmslos grölenden Besoffenen bis ganz ans ruhige und andere Ende und
blicke in den von Wolken verhangenen Himmel. Die Stille trifft mich wie ein Vorschlaghammer, welcher fast noch härter ist als der Ärger über meinen fehlenden Mut. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es wahrscheinlich
menschlich ist, zu versagen, obwohl man nichts zu verlieren hat. Zwischen zwei Wolkenfetzen blinkt ein Stern zu mir herab, ein kleines Licht inmitten einer trüben Masse ohne genaue Kontur. Verheißt er
mir, was ich begehre? Ich kenne das Gefühl, nach dem ich trachte, und vermisse es gleichermaßen. Ich wünschte, ich könnte dort oben ebenfalls auf luftigen Wogen gleiten und mit schauderndem Gesicht auf die Welt
hinabblicken, froh, ihr entronnen zu sein. Meine Bahn fährt ein, mit weichen Knien nehme ich in ihr Platz und werfe einen letzten Blick in die düsteren Wolken, welche den Stern soeben verschlucken, ihn
sich wieder einverleiben. Zeit, dass ich ins Bett komme. Morgen schaut die Welt vielleicht schon wieder anders aus. |